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Bei Diabetes und Alkohol differenziert Handeln und Behandeln 

Bestimmte Volkskrankheiten in Deutschland nehmen erheblich zu; eine vordere Stelle besetzt Diabetes mellitus, gefolgt von koronarer Herzkrankheit, Bluthochdruck, Adipositas, Atherosklerose und Osteoporose, die zu den am weitesten verbreiteten Erkrankungen in der Bevölkerung zählen. Davon ist das gesamte Gesundheitssystem enorm belastet. Leistungsfähigkeit, Lebensqualität und Lebenserwartung der Betroffenen sind meist deutlich reduziert im Vergleich zu gesunden Erwachsenen. 

Bedenken gibt es hinsichtlich der Versorgungsituation dieses wachsenden Gesundheitsproblems, das trotz vereinzelter Fortschritte den Mangel an konsequent risikostratifiziertem, leitliniengerechtem und ergebnisorientiertem Handeln verwaltet. Gesundheitspolitik und Kostenträger halten an den überholten Paradigmen monokausaler Krankheitsmodelle aus der Vergangenheit fest, die weder die multifaktoriellen Ursachen noch die komplexen Verläufe berücksichtigen, die ein differenziertes Handeln voraussetzen. 

Bisher fokussiert die Diagnostik die Blutzucker und Blutfettwerte, und so zielt die die therapeutische Intervention alleine auf diese Parameter ab.

Moderne Diabetestherapie orientiert sich bevorzugt an Managementmodellen, die das individuelle Risiko und die Vermeidung von Organschäden gezielt adressieren. Für Atherosklerose, Herzschwäche und eingeschränkte Nierenfunktion ist die Anwendung von Substanzen erforderlich, die einen belegbaren kardiovaskulären Nutzen nachweisen. Dazu gehören SGLT2-Hemmer und GLP1-Rezeptoragonisten, die einen deutlichen präventiven Nutzen, weit über die alleinige Blutzuckersenkung hinaus, bewirken. 

Einen hohen Stellenwert kommt der Ernährungstherapie zu, die als mediterrane Ernährung qualitativ hochwertige Lebensmittel und ausdrücklich einen moderaten Weingenuss vorsieht. Direkt nach der Diagnose eines Prädiabetes sollte interveniert werden, um das Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko, sowie eine manifeste Diabeteserkrankung zu verhindern, sagte Professor Kristian Rett vom Endokrinologikum München anlässlich eines Symposiums der Weinakademie beim Internistenkongress. I

Professor Gerald Klose aus Bremen differenzierte klar zwischen dem protektiven moderaten Alkoholgenuss und dem zu hohen Alkoholkonsum, welcher sich negativ auf den Fettstoffwechsel auswirkt. Die gefäßschädigenden Triglyceride (LDL-C) steigen an und tragen zur Atherosklerose und Bluthochdruck bei, insbesondere bei Patienten, die an Adipositas, metabolischem Syndrom oder familiärer Hypertriglyceridämie leiden. Das Kollektiv ist gefährdet durch zu hohen Alkoholkonsum, so die Experten. Der moderate Alkoholgenuss sei im Kontext der bestehenden Komorbiditäten zu bewerten.

Die Frage, ob Diabetes zur Alkoholabstinenz zwinge, verneinte Professor Rett ausdrücklich. Die neue Einteilung von Prädiabetes und unterschiedliche Diabetestypen (Cluster) ermöglichen, dass die Risiken von Komorbidität und Komplikationen frühzeitig erfasst und in eine differenziertere Therapie zu übersetzen. Dabei spielen die Insulinsensitivität und Betazellfunktion phänotypisch eine zentrale Rolle. Der Ernährungsmedizin legt er ein mehrdimensionales Umdenken ans Herz, indem nicht länger über die Reduktion einzelner Nahrungsbestandteile wie Kohlenhydrat, Fett und Protein diskutiert werde, sondern eine evidenzbasierte Ernährungsmedizin mit bevorzugten Trinkmuster verordnet wird. Rett zitierte die CASCADE-Studie, die vergleichend den Konsum von 150 ml Rot-oder Weißwein zu Wasser im Laufe untersuchte. Nach zwei Jahren wurde signifikante Besserung der Blutzuckerkontrolle bei Diabetikern der Wein-Gruppe festgestellt. Es resultieren zwei Empfehlungsgrade, die bei Prädiabetes und Diabetes als definierte Menge alkoholischer Getränke ärztlich vertretbar sei. Die Analysen der Daten zwingt weder bei Diabetes noch bei Prä-Diabetes zur Alkoholabstinenz. Vielmehr ssollte der präventive Nutzen eines moderaten Konsum alkoholischer Getränke  erfordere eine differenzierte Betrachtung von Handlung und Behandlung von Menschen mit Diabetes und/oder  Fettstoffwechselstörungen.

– Dr. med. Karin Wilbrand // Veröffentlicht in Allgemein